Der 1. Mai 2009 ist auch ein Tag des Gedenkens
Auch in diesem Jahr begehen wir den „Kampftag der Arbeiterklasse“ am 1. Mai 2009. Dabei ist vielen nicht mehr im Gedächtnis, dass dieser Tag nicht nur ein sog. Feiertag sein sollte, sondern auch ein „Tag der Trauer und der Nachdenklichkeit“. Denn an diesem Tag jähren sich zum 80-igsten Male die Geschehnisse des „Berliner Blutmais“ von 1929.
Was war geschehen?
Der damalige Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel, seines Zeichens Mitglied der SPD, hatte ein allgemeines Verbot politischer Veranstaltungen erlassen, das zur blutigen Auflösung einer von KPD-Funktionären veranlassten Arbeiterdemonstration führte.
SPD und Gewerkschaften hielten sich an das Demonstrationsverbot und hielten ihre Maikundgebungen in Sälen ab. Nicht so die KPD: Sie bestand in vollem Bewusstsein der möglichen Folgen und damit wohl wider besseren Wissens auf ihrer öffentlichen Maikundgebung. Es kam, wie es kommen musste!
Auf Anordnung des Polizeipräsidenten, aber zum Teil wohl auch aus eigenem Antrieb, schossen Polizisten rücksichtslos und auch sonst völlig unverhältnismäßig in der Wahl der Mittel in die Menge der Demonstrationsteilnehmer. Dabei wurden 33 Menschen getötet und Hunderte verletzt; ein einmaliger Vorgang auch in der damaligen jungen Weimarer Republik. Es folgten 1.200 Verhaftungen, die zu zahlreichen Prozessen wegen Landfriedenbruchs und Aufruhr führten.
Im Verhältnis der Arbeiterparteien zueinander hatten die Geschehnisse des Mai 1929 zur Folge, dass durch die KPD die Losung des „Sozialfaschismus“ ausgegeben wurde, mit der man alleine die SPD- Funktionäre für die Geschehnisse des 1. Mai 1929 und insgesamt für das himmelschreiende soziale Unrecht in der Endphase der Weimarer Republik verantwortlich machte. Die SPD wurde im Ergebnis als insgesamt faschistisch denunziert.
Carl von Ossietzky hat sinngemäß völlig zu Recht konstatiert, dass sowohl die KPD als auch die SPD-Funktionäre politisch wesentlich besonnener und klüger gehandelt hätten, wenn man zu gegenseitigen Konzessionen bereit gewesen wäre. Dies war nicht der Fall und so hat der „Wettkampf der Eitelkeiten“ beiden Parteien nur geschadet. Genützt hat die sich vertiefende Spaltung der Arbeiterschaft ausschließlich den Nationalkonservativen und den wahren Faschisten. Das Ende der 1. Deutschen Republik ist bekannt. Ohne das Wissen um den 1. Mai 1929 bleibt es bruchstückhaft.
Was lernen wir heute daraus?
Auch heute steuern wir in eine Wirtschaftskrise, die der der Endphase der Weimarer Republik ähnlich ist. Oskar Lafontaine hat wohl auch aus dieser Erfahrung heraus davor gewarnt, dass das Agieren oder besser das Nichtagieren der Regierung und der damit verbundene Anstieg der Arbeitslosigkeit den Rechtsextremen nützt.
Wir sollten als LINKE aber nicht die Fehler der KPD und die Fehler der SPD des Jahres 1929 wiederholen, sondern uns vielmehr bei der Begehung des „Tages der Arbeit“ und darüber hinaus auf die Anfänge besinnen, in denen die Arbeiter gemeinsamer und unabhängiger von Parteizugehörigkeiten für ihre Rechte eingetreten sind und gemeinsamer dieses kämpferische Ereignis begangen haben.
Der politische Gegner steht auch heute rechts von der SPD. Die SPD sollte sich und auch wir sollten uns deshalb auf die Gemeinsamkeiten der zwei bedeutenden Linksparteien der Bundesrepublik besinnen und wieder gemeinsam für ein sozialistisches Deutschland streiten.
Der 80-igste Jahrestag des 1. Mai 1929 wäre ein guter Zeitpunkt für einen Neuanfang gewesen.
Frank Dahmen
Anmerkung:
Der Autor Klaus Neukrantz hat bereits 1931 in seinem Roman „Barrikaden im Wedding“ – wenn auch zum Teil sehr einseitig Partei nehmend – eindrucksvoll Zeugnis von den damaligen Geschehnissen abgelegt. Zur damaligen sog. Generallinie der KPD empfehle ich das Buch „Die Generallinie. Rundschreiben des Zentralkomitees der KPD an die Bezirke 1929–1933“, zu beziehen über Amazon.
